Psychotherapeutische Praxis am Rothenbaum

Chronische Erkrankungen und Selbstberuhigung, Selbstfürsorge, Selbststeuerung.

Einleitung

Was hat Psychotherapie einem chronisch Kranken überhaupt zu bieten? Mit der Diagnose einer chronischen Erkrankung ist das Vertrauen in die Folgerichtigkeit der Welt erstmal dahin. Bisherige Sicherheiten gelten nicht mehr. Das, was sonst immer funktioniert, funktioniert nicht mehr. Sowohl die erste Zeit nach der Diagnose als auch das Sich-Einrichten in der mangelnden Intaktheit stellen eine erhebliche, manchmal nie gekannte Belastung dar. Die bisherigen Sicherheiten gelten nicht mehr, die Verhältnisse müssen erst einmal wieder vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Es geht also um Krankheitsbewältigung, um einen klaren Kopf und um klare Gedanken. Dabei unterstützt die Psychotherapie als Ergänzung zur Schulmedizin. Der Vorteil einer psychotherapeutischen Situation ist, dass Zeit gegeben ist. Besonders wichtig ist: Hier muss nicht nur, hier darf alles ausgesprochen werden. Psychotherapie geschieht in einem besonders geschützten Raum, in dem nicht nur das Ziel, sondern auch der Prozess selbst ernst genommen wird. Ganz wichtig ist: ich werbe hier nicht für die Vorzüge der Psychotherapie, sondern ich berichte von Ergebnissen, Chancen und Konsequenzen.

Erster Blick

Mein Eindruck nach 30 Jahren der Arbeit mit chronisch kranken Menschen ist, dass Patienten mit aktiver Krankheitsbewältigung in der Regel mit der Situation am besten klarkommen. Aktive Krankheitsbewältigung ist ein bisschen die Heilige Kuh, der Begriff wirkt so schön sportlich. Und sicher ist es so, dass – wer in die Arbeit und auch sonst im Alltag integriert bleibt – eine gute Grundlage für eine aktive Krankheitsbewältigung hat. Heute sind alle Patienten, die wir als Psychotherapeuten sehen, über das Krankheitsgeschehen selbst gut informiert. Allerdings nützen diese Erkenntnisse und das Wissen wenig, wenn auf Grund der Schwere und der Umstände der Erkrankung die Verarbeitung schwer fällt. Also schauen wir genauer hin. Ein treffendes Bild dafür las ich kürzlich: Die Seele versteckt sich. Die bisher angewendeten Lebenshaltungen und Einstellungen geraten in die Krise. Guter Rat ist teuer.

Ängste

Jede Diagnose einer chronischen Krankheit wirft unerbittlich die Frage auf: Wie werde ich damit fertig, nicht mehr intakt zu sein? Bis an mein Lebensende? Schaffe ich das überhaupt? Dies sind existentielle Ängste, und sie sind sehr berechtigt und real. Typische Sorgen sind: „Auf einmal erscheint mir alles unberechenbar“, „Ich habe mich immer so stark gesehen, jetzt bin ich mit meiner Schwäche konfrontiert“, „Eigentlich möchte ich nur aufgeben, aber das darf ich nicht“, „Habe ich mein Leben noch in der Hand?“, „Werde ich jetzt abhängig von Maschinen, Medizin, Menschen?“, „Wem kann ich, wem soll ich vertrauen?“.

Bordmittel

Beim Versuch der Krankheitsbewältigung stützt man sich zunächst auf die aus der eigenen Alltagserfahrung gewonnenen Bordmittel: Internet Recherche, Foren, vielleicht ein Tagebuch mit Aufzeichnungen. Gespräche mit der Familie, mit Freunden, mit anderen Patienten, wenn es denn diese Verbindungen gibt. Aber auch das, was alle anderen Menschen bei Problemen tun: Rückzug, Beruhigungstabletten, Alkohol und Rauchen, Ablenkung durch Reisen. Der Einsatz dieser Mittel kann hilfreich sein, auf Dauer wird er aber nicht als ausreichend erlebt. Die Krankheit räumt mit allen Illusionen auf, schlägt unerbittlich zu. Alles Bisherige hat nichts genutzt. Viele meiner Patienten standen bei Therapiebeginn an diesem Punkt. Was hat sich dabei als hilfreich erwiesen? Wie kann Krankheitsbewältigung besser funktionieren, wie gewinnt man das Vertrauen in die Folgerichtigkeit der Welt wieder zurück?

Selbstberuhigung

Die Diagnose wird natürlich als Drama wahrgenommen, das muss in voller Wucht ausgehalten werden, statt sich zu verstecken, zu leugnen oder sich zu betäuben. Damit das Gefühl der Kopflosigkeit nicht übermächtig wird, muss das Drama dann wieder entdramatisiert werden: Geschwindigkeit herausnehmen, Druck abbauen und im eigenen Rhythmus wieder Tritt fassen. Fragen dabei könnten sein: Was ist wirklich wichtig, worauf kann ich mich verlassen? Wie kann ich mir selbst helfen? Was könnte ein erster praktischer Schritt sein? Gerade wenn alle um mich herum aufgeregt sind, ist es wichtig, zur Besinnung zu kommen. Jeder Mensch hat wichtige innere Sätze, die man wieder aufnehmen kann und dadurch den internen Kompass zu finden. Um es ganz klar zu sagen: Wahrheit in aller Deutlichkeit zu akzeptieren erfordert Mut. Krankheitsbewältigung ist nichts für Feiglinge. Nach meiner Erfahrung geht es also in einem ersten mutigen Schritt um gedankliche Klarheit, um Selbstreflektion. Wir alle kennen es, in uns zu gehen. In der Psychotherapie nennt man dies den Rückzug in den seelischen Binnenraum. Das ist der Ort, in dem wir auf unsere eigenen Erfahrungen, auf das, was uns bisher im Alltag vorangebracht hat, zurückgreifen. Zum Beispiel kann es unbedingt beruhigend sein, jeden Tag mit einem Vaterunser zu beginnen, regelmäßig Orte der Stille aufzusuchen, Licht und Natur konzentriert auf sich wirken zu lassen. In der Sprache der Psychotherapie geht es anfänglich immer um die Dekonstruktion des Bösen, um den Abbau leidvoller und schrecklicher Gedanken. Das ist die Funktion der Entdramatisierung.

Selbstfürsorge

Aber danach ist die Rekonstruktion, der Wiederaufbau des Guten, wichtig. Wer sich nur als Kranker sieht, kann sich im Krankheitsgeschehen verlieren. Diese Rolle ist fatal. Wir brauchen einen Rollenwechsel. Der neue Ansatz ist: Ich bin mehr als meine Krankheit! Zu meiner Persönlichkeit gehören nämlich auch noch andere Rollen: Geliebte, Vater, Kollegin, Genießer, Fußballfan. Etwas pathetisch formuliert: Vorhandene Ressourcen und Möglichkeiten dürfen nicht verschüttet werden, wir müssen uns unseren Reichtum erhalten. Das ist auch deshalb besonders wichtig, weil man Erfolge im Kampf gegen die Krankheit zunächst nicht erwarten kann. Die großartigen Fortschritte der medizinischen Behandlung chronischer Erkrankungen ermutigen dazu, nicht in der Forschung nachzulassen und dann doch noch zu Ergebnissen zu kommen. Wenn wir in anderen Rollen und Lebensbereichen erfolgreich sind, können wir daraus Stärke schöpfen und frustrierende Zeiten leichter bewältigen. Wir können uns Erfolge organisieren und damit wachsen. Zum Beispiel auf die eigene Ausbildung zurückgreifen und sich klarmachen: Was kann ich gut? Was hat schon früher immer wieder funktioniert?

Selbststeuerung

Die Selbststeuerung ist der dritte Schritt, ein hoher Anspruch auch für unbelastete Menschen in mittleren Jahren, die von chronischen Krankheiten nicht betroffen sind. Wie oben dargestellt, haben wir Alle Ansätze, um uns zu beruhigen und für uns zu sorgen. Aber Selbststeuerung? Bewusste Überlegung, wie es weitergeht? Wir Alle sind oft genug im Blindflug unterwegs oder fahren nur auf Sicht. Ich bin in meiner Arbeit als Psychotherapeut damit konfrontiert, dass Chroniker weniger Ressourcen haben, schneller ermüden, häufig nicht in einer sorglosen ökonomischen Situation leben. Um so wichtiger ist es, bewusst zu leben und entsprechend zu handeln. Wesentliche Einsicht dabei ist, dass Empörung über die Zustände zu nichts führt. Wichtiger ist sich zu fragen, wie viel Kraft man heute tatsächlich hat. Kompromisse sind dabei ein sicherer Weg. Natürlich gibt es faule Kompromisse, die nur der Aufschieberei dienen. Die meine ich definitiv nicht. Ein guter Kompromiss besteht darin, die eigenen Ansprüche und Bedürfnisse an die Realität anzupassen. Einer meiner Patienten kam mit seiner Erkrankung besonders schlecht zurecht. Alles hatte sich in Richtung einer Depression verändert. Die Berufstätigkeit als Produktmanager eines Markenartiklers musste er aufgeben, die Beziehung zu seiner Frau zerbrach, es gab keine Kinder, die eigenen Eltern waren hilflos und überfordert. Jeder Morgen begann mit dem Gefühl, „eine Gehwegplatte auf der Brust zu haben“, mühselig den Tag zu beginnen und den eigenen trüben Gedanken unterstützt durch exzessiven Computergebrauch nachzuhängen. An Kompromisse war nicht zu denken, da der Patient perfektionistische Ansprüche an sich selbst hatte, denen er in keiner Dimension gerecht werden konnte. Gesunde Kompromisse schienen ausgeschlossen, der Patient war fast süchtig nach Ohnmacht und Unfähigkeit.

Und dann kam das Umdenken, die Einstellungsänderung, die Bereitschaft zum Kompromiss. Der Patient beschloss sehr bewusst, „seinen Radius zu erweitern“. Man kann es befremdlich finden – ich könnte das nicht – aber er beschloss, alle Widerstände nur als positiv zu sehen. Fast verbissen, aber glaubwürdig, suchte er auch in schwierigen Situationen, seine positiven Möglichkeiten zu sehen. Zunächst mit dem Rollator unterwegs, dann mit dem Stock, eroberte er seinen Stadtteil zurück. Danach die Innenstadt, danach den Hafen. Er nutzte all dies, um seiner – man muss schon sagen – Liebhaberei nachzukommen: das Zeichnen und Beschreiben von Szenen in seinem Skizzenbuch. Das gelang nicht immer perfekt, aber zu seiner Zufriedenheit. Und in diesem Wort steckt der Begriff „Frieden“. So funktionieren Kompromisse.

Konzept

Natürlich ist Krankheitsbewältigung ein individueller Prozess. Aber man kann auch verallgemeinern. Meiner Erfahrung nach sollte ein chronisch Kranker jede der hier genannten drei Dimensionen in seiner Weise aufgreifen. Wichtig dabei sind nicht nur die einzelnen Schritte, sondern vor allem ihre Einbindung in ein Konzept von sich selbst. Es geht um Integration. Es geht darum, die Dinge wieder neu an ihren Platz zu stellen. Patienten haben gute Erfahrungen damit gemacht, sich fünf Minuten am Tag für wirklich klare Gedanken Zeit zu nehmen. Wo stehe ich in meiner Selbstberuhigung? Wie ist es mit meiner Selbstfürsorge bestellt? Und wie sorge ich dafür, dass eine konsequente Selbststeuerung auch funktioniert? Konkret: was sind die nächsten Schritte? Was steht mir entgegen? Wer kann mir helfen? Was sind meine inneren Widerstände? Geht das überhaupt alleine?

Beziehungen

Die Nagelprobe dafür, dass die drei Schritte auch funktionieren, findet immer in Beziehungen zu anderen Menschen statt. Hier haben auch die Psychotherapeuten dazu gelernt. Traditionell ging es ihnen darum, den Menschen einzig in seinen inneren Prozessen zu verstehen und ggf. zu behandeln und zu heilen. Heute sehen wir viel stärker darauf, wie der Patient im Dialog mit anderen Menschen Lösungen sucht und suchen kann. Ein erstes wichtiges Übungsfeld dabei ist die Beziehung zum Therapeuten. Hier kann man klare Gedanken, Dialog und praktische Schritte üben. Es geht um Aussprechen und Ausdruck. Etwas salopp zusammengefasst: Von der nach innen gerichteten Depression zur Expression.

Schluss

Nicht jedem ist Psychotherapie möglich, nicht jeder ist dazu bereit, nicht für jeden ist sie geeignet. Deshalb empfehle ich sie auch nicht allgemein. Schon lange geht es nicht darum, Werbung für Psychotherapie zu machen. Was aber definitiv gilt: Ängste müssen ausgesprochen werden, Dialog ist überlebenswichtig. Jeder braucht einen Vertrauten, bei dem er wirklich alles aussprechen kann. Das heißt genau zu überlegen, mit wem das am besten geht. Kein chronisch Kranker darf ohne Gesprächspartner sein, sei es der Ehepartner, der gute Freund, der Seelsorger – oder auch ein Therapeut.